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Stadien befinden sich an der Schnittstelle von Sport, öffentlichem Raum und Identität. Im besten Fall sind sie weit mehr als Schauplätze für 90 Minuten Fußball. Sie sind zentraler Bestandteil der sozialen Infrastruktur, wirtschaftliche Anker und Impulsgeber für eine langfristige städtische Regeneration.

In ganz Europa rückt diese Rolle zunehmend in den Fokus. Viele Städte stehen vor ähnlichen Herausforderungen: alternde Stadien, steigende Erwartungen von Fans und Gemeinden, wachsender Druck auf öffentliche Investitionen sowie die Notwendigkeit, einen greifbaren gesellschaftlichen Mehrwert nachzuweisen. In Deutschland, wo ein großer Teil des heutigen Stadionbestands zuletzt im Zuge der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 modernisiert wurde, ist jetzt der Zeitpunkt für Erneuerung. Während Fußballfans auf der ganzen Welt die Weltmeisterschaft 2026 verfolgen, haben wir uns genauer angesehen, wie sich die Stadionwelt verändert.

Städte wie Berlin, mit dem historischen, aber alternden Olympiastadion oder dem neuen, inklusiven urbanen Sportquartier Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark, verdeutlichen die unterschiedlichen Herausforderungen, die Modernisierung und die Gewährleistung langfristiger Tragfähigkeit mit sich bringen. Gleichzeitig sind Projekte wie das kürzlich eröffnete Europa-Park Stadion in Freiburg Beispiele dafür wie neue Entwicklungen von Anfang an Nachhaltigkeit und die Integration in die Gemeinschaft berücksichtigen können.

Die Frage ist längst nicht mehr nur, wie Stadien modernisiert werden können. Es geht vielmehr darum, sie als integrierte Bestandteile der Stadt neu zu denken und ihren Zweck zu erweitern. Es geht darum, Orte zu schaffen, die mehr leisten, für mehr Menschen da sind, an jedem Tag des Jahres, und die sich zu urbanen Destinationen entwickeln, zu „Dritten Orten“ für die Stadt und ihre Bewohner und Bewohnerinnen.

In den vergangenen 20 Jahren haben internationale Stadionprojekte dazu beigetragen, neu zu definieren was möglich ist. Venues wie das Emirates Stadion, das Tottenham Hotspur Stadion oder das neuen Hill Dickinson Stadion von Everton zeigen wie sich das klassische Stadion-Modell weg von alleinstehenden Veranstaltungsorten hin zu Transformationstreibern ganzer Stadtquartiere entwickelt. So ist das Tottenham Hotspur Stadion Teil eines 1,4-Milliarden-Euro-Programms zur Stadterneuerung und hat in seinem Umfeld €398 Mio. Bruttowertschöpfung (BWS) generiert sowie mehr als 3.700 Arbeitsplätze unterstützt. Das Stadion ist damit nicht nur ein Veranstaltungsort, sondern ein Fokuspunkt für Investitionen, Erwerbstätigkeit und gemeinschaftliche Aktivitäten.

Das Hill Dickinson Stadion des Everton Fußball Club ist einer der Eckpfeiler, auf denen eine kommunale Regenerationsinitiative für einen ehemaligen Industriehafen in Liverpool aufbaut. Bild: Everton Football Club.

Michael Salvo, Director für Sport und Entertainment Europa bei ̽, sieht diesen Wandel eher als Ausdruck einer breiteren Marktentwicklung als eine Reihe einzelner Projekte: „Es wächst die Erkenntnis, dass ein Stadion nicht einfach nur ein Bauprojekt ist. Es kann der Ausgangspunkt für so viel mehr sein“, sagt er. „Die größte Wirkung entfaltet ein Stadion-Masterplan dann, wenn er gemischt genutzt, vollständig integriert und für alle Gruppen der Gemeinde nutzbar ist. Ein erfolgreiches Stadionprojekt braucht ein echtes Place-Making-Element, das Identität stiftet und einladende Orte schafft. Dies gilt sowohl für die Weiterentwicklung bestehender Stadien also auch für Neubauprojekte. Oft liegt das Potenzial darin, bislang ungenutzte Werte durch bessere Integration und Nutzung zu erschließen.“

Rob Amphlett, Leiter des Bereichs Sport und Entertainment UK bei ̽ und Projektverantwortlicher für das Tottenham-Projekt, betont, dass Stadionentwicklungen in Großbritannien heute nur noch selten isolierte Einzelvorhaben[1] sind und, dass die Planungsteams von ̽ eine entscheidende Rolle dabei spielen, ihren tatsächlichen Mehrwert zu realisieren. „Die Einbindung der richtigen Expertise in einer frühen Projektphase ist entscheidend, um das volle Potenzial für den Verein, die Gemeinde und die regionale Wirtschaft auszuschöpfen.”

Dabei weist er darauf hin, dass Stadien weit mehr sind als Gebäude – sie sind Ausdruck von Identität. „Vereine entstehen aus ihren Fangemeinden heraus und zunehmend ist ihr Markenname tief in dieser Gemeinschaft verwurzelt.“

In Liverpool verändert das Hill Dickinson Stadion am Bramley-Moore Dock, die neue Heimspielstätte des Everton FC, das Hafenareal nördlich des Stadtzentrums grundlegend. „Das Hill Dickinson ist weit mehr als nur ein Stadion“, sagt Lloyd Baker, der die Arbeit von ̽ an diesem Projekt leitete. „Es ist ein strategischer Impuls, der die Wiederbelebung in einem ganzen Stadtteil vorantreibt.“

„Ich bin überzeugt, dass das neue Stadion als Katalysator für weitreichende Investitionen wirkt und, dass dadurch die Entwicklung, die wir heute entlang Liverpools nördlichem Ufer erleben, um 20 Jahre oder mehr beschleunigt wurde.”

Das Tottenham Hotspur Stadion ist nicht nur ein Anziehungspunkt für Sportfans, sondern auch ein Fokuspunkt für Investitionen, Erwerbstätigkeit und das gesellschaftliche Leben.

Was bedeutet das im deutschen Kontext?

Die Antwort ist differenzierter und spiegelt andere städtebauliche und politische Rahmenbedingungen wider. In Berlin z.B. geht es nicht um eine einzelne Lösung, sondern darum, wie unterschiedliche Zukunftsperspektiven miteinander in Einklang gebracht werden können. Im Olympiapark umfasst dies sowohl das Potenzial für ein neues, ausschließlich auf Fußball ausgerichtetes Stadion als auch die Neuinterpretation des bestehenden Olympiastadions als öffentlichen und historisch bedeutenden Ort. Die zentrale strategische Frage lautet daher, wie sich diese Möglichkeiten in eine übergeordnete Vision für den gesamten Park einfügen lassen – eine Vision, die die Rolle, Relevanz und Zukunftsfähigkeit beider Spielstätten stärkt.

Dies gewinnt zusätzlich an Bedeutung im Zusammenhang mit einer möglichen Olympiabewerbung Berlins. Die Entwicklung einer schlüssigen und zukunftsorientierten Gesamtvision für den Olympiapark, könnte weitere Investitionen anstoßen und seine Rolle als national wie international bedeutendes Ziel für Sport, Kultur und Veranstaltungen festigen. Dazu gehören eine bessere Anbindung des Areals, die Belebung der umliegenden Freiräume sowie die Frage, wie der größere Campus aus Sport-, Kultur- und Bildungseinrichtungen zu einem stärker vernetzten und ganzheitlichen Ensemble entwickelt werden kann. Vorschläge wie ein potenzielles neues Stadion für Hertha BSC fügen dieser Diskussion eine weitere Dimension hinzu: Sie eröffnen die Möglichkeit, moderne Infrastruktur in eine historisch gewachsene öffentliche Umgebung zu integrieren, anstatt auf der grünen Wiese neu zu beginnen.

Die im Berliner Stadtentwicklungskonzept beziehungsweise in der Berlin-Strategie 2030 festgehaltenen Ziele konzentrieren sich darauf, die Stadt als dynamischen, innovativen, grünen und sozial inklusiven Standort weiterzuentwickeln. Zu den zentralen Handlungsfeldern zählen Wohnungsbau, wirtschaftliches Wachstum, Klimaschutz, Mobilität und Lebensqualität. Mit der Positionierung der Neuentwicklung des Olympiaparks als Zentrum für Sport, Kultur und öffentliches Leben, kann Berlin Investitionen in die Stadioninfrastruktur unmittelbar mit seinen übergeordneten Entwicklungszielen verknüpfen – etwa der Schaffung innovationsgetriebener Arbeitsplätze, der Förderung des Tourismus, der Entwicklung neuer Wohnangebote sowie einer nachhaltigen urbanen Regeneration.

Man gestaltet ein Stück städtischer Infrastruktur, das sowohl an Spieltagen als auch an allen anderen Tagen des Jahres funktionieren muss.

Lloyd Baker, Partner und Fachleiter bei ̽

Gleichzeitig verfolgt Berlin mit dem Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark ein ganz anderes Modell. Hier steht ausdrücklich das Ziel im Vordergrund, ein neues, inklusives urbanes Sportquartier zu schaffen, das ein Stadion mit 20.000 Plätzen, Gemeinschaftseinrichtungen, Sporthallen und öffentliche Freiräume miteinander verbindet. Der Konstrast ist bemerkenswert: Berlin verfolgt gewissermaßen zwei Ziele gleichzeitig – zum einen, die Lebensdauer und den gesellschaftlichen Wert eines historischen Stadions zu sichern und weiter zu entwickeln, und zum anderen, eine neue Generation integrierter, gemeinschaftsorientierter Sportinfrastruktur im Herzen der Stadt zu schaffen.

Hamburg wiederum verfolgt einen dritten Ansatz. Der Diskurs um das Volksparkstadion konzentrierte sich in den vergangenen Jahren vor allem darauf, dessen internationale Wettbewerbsfähigkeit durch technische Modernisierungen zu erhalten. Jedoch liegen langfristigere Chancen darin, über das Stadion selbst hinauszudenken. Angesichts umfangreicher Entwicklungspläne im Stadionumfeld besteht erhebliches Potenzial, den gesamten Volkspark zu einem multifunktionalen Sport- und Freizeitquartier weiterzuentwickeln.

In diesem Kontext wird das Stadion weniger als eigenständige Veranstaltungsstätte verstanden, sondern vielmehr als Impulsgeber innerhalb eines umfassenderen Stadtentwicklungsprojekts. Investitionen in die Hamburger Stadioninfrastruktur könen genutzt werden, um übergeordneten Ziele in den Bereichen nachhaltiges Wachstum, wohnortnahe Freizeitangebote und inklusive wirtschaftliche Entwicklung voranzubringen – Ziele, die bereits in den städtebaulichen Entwicklungs- und Klimastrategien der Stadt verankert sind.

Vom Spieltag zum Alltag: Neue Pespektiven für deutsche Stadien

Zunehmend erkennen Vereine auch den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Mehrwert darin, ein Stadion ganzjährig zu nutzen, anstatt es zwischen den Spieltagen ungenutzt zu lassen.

Lloyd Baker betont, dass diese erweiterte Rolle von Anfang an mitgedacht werden muss: „Man verfügt über ein Gebäude, das Platz für viele Menschen hat und großzügige Bewegungsflächen bietet. Warum sollte man es nur an einem oder vielleicht zwei Tagen pro Woche nutzen? Wir unterstützen unsere Kund*innen dabei, Stadien zu schaffen, die das ganze Jahr über funktionieren und der Gemeinschaft mehr bieten als nur Fußball. Man entwirft nicht einfach einen Veranstaltungsort. Man gestaltet ein Stück städtischer Infrastruktur, das sowohl an Spieltagen als auch an allen anderen Tagen des Jahres funktionieren muss.“

Dieser Unterschied ist entscheidend. Erfahrungen aus aller Welt zeigen, dass erfolgreiche Stadien ihren langfristigen Nutzen erst durch die enge Verknüpfung mit Wohnungsbau, gewerblicher Entwicklung, Verkehrsinfrastruktur und hochwertigen öffentlichen Räumen entfalten. The Regeneration Game: Stadium-led regeneration in London, ein Bericht der Londoner Verwaltungsbehörde untersucht beispielsweise Projekte wie das Emirates Stadion, Wembley sowie das Etihad Stadion (ehemals das City of Manchester Stadion) und beschreibt Stadien ausdrücklich als Impulsgeber für Stadtentwicklung, wenn sie in umfassende Strategien für gemischt genutzte Quartiere und Verkehrsanbindungen eingebettet sind. [2].

Der Bericht hebt hervor, dass Stadien den größten Mehrwert schaffen, wenn sie als Anker für eine umfassende, gemischt genutzte Stadterneuerung dienen – und untermauert dies mit konkreten Zahlen aus aktuellen Londoner Projekten. So wird beispielsweise aufgezeigt, dass Arsenals Umzug vom Highbury Stadion ins Emirates Stadion die Spieltagseinnahmen nahezu verdreifachte (von rund €42 Mio. auf über €104 Mio. pro Jahr[3]), während ein Entwicklungsprojekt im Stadionumfeld den Bau von tausenden neuen Wohnungen ermöglichte, von denen ein erheblicher Anteil als bezahlbarer Wohnraum entstand. Der Bericht hebt außerdem hervor, dass das Olympiapark-Stadion Teil einer umfangreichen Transformationsinitiative ist, die mit 225 Hektar neue Stadtquartiere wie z.B. das East Village, umfangreiche Grün- und Freiflächen sowie Verbesserungen der Verkehrsinfrastruktur beinhaltet. Es handelt sich also nicht um ein isoliertes Gebäude, auch wenn der Bericht gleichzeitig darauf hinweist, dass der zusätzliche wirtschaftliche Nutzen solcher Entwicklungen im Vergleich zu anderen Formen der Stadtentwicklung weiterhin Gegenstand fachlicher Diskussionen ist.

Arsenal FCs Umzug von Highbury ins Emirates Stadion erhöhte die Einnahmen an Spieltagen fast um das Dreifache

In Deutschland steht eine ganze Generation von Stadien, die zuletzt im Zuge der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 umfassend modernisiert wurden und nun einen neuen Investitionszyklus erreicht haben. Die Chance eröffnet sich, ihre langfristige Rolle neu zu definieren. Die zentrale Frage lautet nicht mehr nur, wie diese Spielorte erhalten oder technisch auf den neuesten Stand gebracht werden können, sondern wie sie als aktive Bestandteile des städtischen Gefüges neu positioniert werden können, sodass sie als Antrieb für Stadtentwicklung und Stadterneuerung wirken können. Erfahrungen aus Großbritannien und anderen Ländern zeigen, dass der größte Mehrwert dort entsteht, wo Stadien in Wohnungsbau, Gewerbe, Verkehrsinfrastruktur und öffentlichen Raum eingebunden werden. So können sie die örtliche Wirtschaft ankurbeln und den gesellschaftlichen Nutzen weit über Spieltage hinaus fördern. In Deutschland, wo viele große Stadien am Stadtrand liegen, bedeutet dies nicht zwangsläufig großflächige Neubauentwicklungen. Vielmehr geht es darum, stärker auf Vernetzung, Nutzungskonzepte und die Schaffung attraktiver Orte zu setzen. Potenzielle Modernisierungsmaßnahmen bieten somit die Möglichkeit, nicht nur einzelne Sportstätten aufzuwerten, sondern durch ihre bessere Einbindung in das Stadtleben einen breiteren Mehrwert zu schaffen.

Olympia als Chance für langfristige Stadtentwicklung

Dabei geht es ebenso sehr um gesellschaftliche Ergebnisse wie um wirtschaftliche Erträge. Dr. Sebastian Seelig, Partner bei ̽ in Deutschland und Experte für Stadtplanung, ist überzeugt, dass deutsche Stadionprojekte von internationalen Erfahrungen profitieren können – insbesondere im Hinblick darauf, wie Sportstätten in das städtische Umfeld integriert werden.

Zugleich sieht er neue Chancen, da mehrere Städte, darunter Berlin, München und das Rhein-Ruhr-Gebiet, Konzepte für eine mögliche zukünftige Olympiabewerbung entwickeln. „Großveranstaltungen können als Impulsgeber wirken, aber ihr eigentlicher Wert liegt in dem, was sie dauerhaft hinterlassen. Unabhängig davon, welche Stadt letztlich ausgewählt wird, bietet sich die Möglichkeit, Stadion-Assets nicht nur als Austragungsorte von Wettkämpfen zu betrachten, sondern als aktive und integrierte Bestandteile des urbanen Raums – weit über Olympia hinaus. Die Investitionsdynamik und Transformationsbeschleunigung, die durch Großereignisse wie die Olympischen Spiele angestoßen werden können, sind erheblich. Entscheidend ist jedoch, dass diese Vorhaben ausdrücklich als Hebel für die langfristigen Entwicklungsziele der Gastgeberstadt und konkrete Vorteile für ihre Bürgerinnen undBürger verstanden werden – und nicht lediglich als zeitlich begrenzte Großveranstaltungen.“

Er unterstreicht die Bedeutung dieser langfristigen Perspektive: „Die erfolgreichsten Projekte sind diejenigen, die sich wie ein natürlicher Teil des Quartiers anfühlen – und nicht wie etwas, das nachträglich hineingesetzt wurde.

„Deutschland kann in dieser Hinsicht viel von Projekten in anderen Ländern lernen. Britische Städte z.B. verfolgen tendenziell einen ganzheitlicheren Ansatz für Sportstätten und deren Einbindung in die urbane Struktur sowie die übergeordnete Stadtentwicklung. In Deutschland hingegen werden noch häufig Entwicklungsflächen auf der grünen Wiese am Stadtrand geschaffen. Die Verknüpfung mit übergeordneten Stadterneuerungsprojekten und Verkehrssystemen dadurch deutlich schwieriger. Gleichzeitig bietet sich eine große Chance, die nächste Generation von Stadien durch ihre Modernisierungen stärker in ihren urbanen Kontext einzubetten und die Anlagen auch außerhalb von Spieltagen besser nutzbar zu machen.

„Deutschland verfügt zweifellos über einige hervorragende Stadien. Die meisten von ihnen liegen jedoch nicht innerhalb der Stadt, sondern am Rand, was Herausforderungen bei der Erreichbarkeit mit sich bringt. Die Allianz Arena in München zum Bespiel liegt weit außerhalb des Stadtzentrums. Die Anreise mit der U-Bahn dauert rund 30 bis 40 Minuten und es musste sogar eine neue U-Bahn-Anbindung dafür geschaffen werden. Selbst von der Endstation aus sind noch etwa 15 Minuten Fußweg bis zum Stadion. Insgesamt ist das keine besonders tolle Nutzererfahrung. Wenn Städte den Wert dieser Infrastruktur bestmöglich ausschöpfen und sie auch für Veranstaltungen und Aktivitäten außerhalb von Spieltagen attraktiver machen wollen, dann ist ein starkes, integriertes Mobilitätskonzept ein entscheidender Erfolgsfaktor.“

Ein erfolgreiches Stadionprojekt braucht ein echtes Place-Making-Element, das Identität stiftet und einladende Orte schafft. Oft liegt das Potenzial darin, bislang ungenutzte Werte durch bessere Integration und Nutzung zu erschließen.

Michael Salvo, Director of European Sport and Entertainment bei ̽

Im Berliner Olympiastadion zeigt sich eine ähnliche Dynamik. Zwar profitiert das Stadion von einer gut ausgebauten Anbindung an den öffentlichen Personen- und Nahverkehr, doch aufgrund seiner Lage innerhalb des weitläufigen Olympiaparks wirken die Wege zwischen Bahnhof und Eingang – insbesondere außerhalb von Großveranstaltungen –wenig zusammenhängend. Eine stärkere Vernetzung dieser Bereiche bietet daher eine klare Chance, die regelmäßige Nutzung des Standorts im Alltag zu fördern.

„Einer der Gründe, warum ein solides Mobilitätskonzept ein so wichtiger Hebel ist, liegt in der Verfügbarkeit von Grundstücken und ihren Preisen“, erklärt Sebastian Seelig. „Zugleich gibt es aber auch andere grundlegende Fragestellungen, denn viele Städte nehmen Sport- und Veranstaltungsorte nicht in erster Linie als Bereicherung für den Stadtteil wahr, sondern als etwas, das die Anwohnenden im Alltag beeinträchtigt. Auch das ist in Deutschland ein wichtiges Thema.“

Damit sie besser in das städtische Gefüge integriert werden können, muss der positive Beitrag hochwertiger Stadionprojekte anerkannt werden. Diese Integration kann viele Formen annehmen. Im Tottenham Hotspur Stadion finden auch Konzerte, NFL-Spiele und vielfältige kommunale Veranstaltungen statt. Die Heimspielstätte des Everton FC, das Hill Dickinson Stadion, wirkt als Impulsgeber für die umfassende Revitalisierung des Liverpooler Hafens. Die neue Zuschauertribüne des Wrexham Stadions ist Teil einer größeren Strategie, den ansässigen Verein, Wrexham AFC, stärker in die städtische Gemeinschaft einzubinden und zugleich die Voraussetzungen für zukünftige Erfolge in der Premier League zu schaffen.

Rob Amphlett betont die Bedeutung dieses ganzheitlichen Ansatzes: „Stadien verändern Gemeinden, wenn sie Teil einer deutlich größeren, langfristigen Vision sind.“

In Tottenham zeigt sich dies unter anderem in der Einbindung des historischen Bestands sowie in den kommunalen Veranstaltungen der vereinseigenen Stiftung. Darüber hinaus hat das Stadion eine erweiterte gesellschaftliche Funktion und dient als Basis für Gesundheitsangebote und öffentliche Veranstaltungen[4]. All das verdeutlicht die Notwendigkeit von langfristiger Verantwortung, frühzeitiger Einbindung relevanter Akteur*innen und klaren Rahmenbedingungen für die Schaffung eines nachhaltigen, gesellschaftlichen Mehrwerts.

Diese erweiterte gesellschaftliche Rolle ist greifbar: Allein in den Jahren 2021 und 2022 zog es 1,6 Millionen Besucher*innen in das Tottenham Hotspur Stadion. Außerdem diente es als Anlaufstelle für nahezu 9.000 Corona-Impfungen und über 40.000 ambulante Behandlungstermine. Hinzu kamen die Bereitstellung von bezahlbarem Wohnraum und eine Vielzahl gezielter Veranstaltungen, darunter Jobmessen und Initiativen für junge Menschen.[5]

Die britische Premier League macht den Wert einer ganzjährigen Aktivierung deutlich. Für Deutschland stellt sich die Frage, wie sich dieses Prinzip auf sehr unterschiedliche räumliche Rahmenbedingungen übertragen lässt.

Stadien am Stadtrand, wie das Berliner Olympiastadion oder das Volksparkstadion in Hamburg, müssen die Chance nutzen und ihre Aktivitäten über Veranstaltungstage hinaus auszuweiten und die umliegenden Freiräume stärker bespielen. Der Olympiapark z.B. könnte als ganzjähriger öffentlicher Sportcampus weiterentwickelt werden und dadurch seine Funktion als Eventlocation mit der Nutzung durch Schulen, Vereine und anderen Sport- und Freizeitangeboten verbinden. Darüber hinaus besteht Potenzial, auf der historischen Bedeutung des Standorts aufzubauen, um ihn langfristig als kulturelle Bildungsstätte zu etablieren.

Berlins geschichtsträchtiges Olympiastadion könnte zu einem dauerhaften Ziel für Sport sowie Kultur und Bildung werden. Bild: Adobe Stock

Beim Hamburger Volkspark hingegen ist die Ausgangslage eine andere. Die umliegende Parklandschaft wird bereits intensiv zur Erholung genutzt, doch die Auslastung des Stadions bleibt außerhalb von Spieltagen vergleichsweise schwach. Ein ganzheitlicherer Ansatz würde daher ergänzende Nutzungen vorsehen, die den Ort auch im Alltag beleben. Sportmedizinische Einrichtungen, Trainingszentren, Nutzungsflächen für Sport und Gesundheit oder Konferenz- und Veranstaltungsangebote könnten dazu beitragen, das Stadion stärker in das tägliche Leben des Stadtteils zu integrieren.

In dicht bebauten urbanen Räumen verschiebt sich die Herausforderung erneut. Bei Stadien wie dem Hamburger Millerntor-Stadion sind Identität und eine enge Bindung zur Gemeinschaft bereits stark ausgeprägt. Es ist ein gutes Beispiel wie die Integration von sozialen Treffpunkten, gemeinwohlorientierten Angeboten und kulturellen Einrichtungen entlang des Stadionrands funktionieren kann und außerhalb von Spieltagen zu einem festen Bestandteil des täglichen Lebens wird. Bei innerstädtischen Spiel- und Veranstaltungsstätten wie dem Millerntor-Stadion besteht die Herausforderung darin, Personenströme so zu steuern, dass sie mit den Gewohnheiten der Anlieger*innen vereinbar sind.

In beiden Kontexten bleibt das grundlegende Prinzip jedoch dasselbe: Der Wert eines Stadions bemisst sich nicht länger allein an seiner Leistung am Spieltag, sondern daran, wie aktiv es das Leben der Stadt zwischen den Veranstaltungen langfristig bereichert.

Sozialen Mehrwert von Anfang an mitdenken

Soll die Stadtentwicklung durch Stadien nachhaltige und spürbare Ergebnisse erzielen, darf sozialer Mehrwert nicht erst nachträglich berücksichtigt werden. Er muss bereits in den frühesten Phasen der Planung und Gestaltung verankert sein. Dieser Perspektivwechsel beeinflusst sämtliche Aspekte eines Projekts – z.B. wie der Raum außerhalb von Veranstaltungen organisiert und genutzt wird oder wie die Anbindung an die umliegenden Quartiere funktionieren kann. Ein entscheidender Faktor ist dabei auch wie Zugang für alle Menschen gesichert werden kann. Sozialer Mehrwert kann nur dann entstehen, wenn er tatsächlich allen zugutekommt.

Ben Channon, Head of Inclusive Environments bei ̽, kann diesen Punkt aufgrund seiner Erfahrungen mit inklusivem Design in unterschiedlichsten Veranstaltungsorten unterstreichen: „Man sollte weit über die bloße Einhaltung von Vorschriften hinausgehen“, sagt er. „Ein gutes inklusives Design trägt wesentlich zur Qualität des Besuchserlebnisses bei und kann ein Stadion deutlich von anderen abheben.“

Wirklich inklusive Konzepte berücksichtigen eine Vielzahl von Anforderungen – darunter kulturelle Bedürfnisse ebenso wie bewährte Ansätze neuroinklusiver Gestaltung.

„Wir kennen die Herausforderungen, die viele Menschen beim Aufenthalt in betriebsamen Umgebungen erleben. Deshalb können wir durch gezielte Maßnahmen in Planung und Betrieb dazu beitragen, dass ihr Besuch deutlich inklusiver wird.“

Barrierefreiheit ist immer ein wichtiger Baustein, jedoch geht die eigentliche Botschaft weiter: Es geht darum, so zu planen, dass sich möglichst viele Menschen mit einer Vielfalt an Bedürfnissen und Erfahrungen beteiligen können. Wird dies konsequent umgesetzt, profitieren alle davon. Gleichzeitig stärkt es die langfristige Zukunftsfähigkeit von Gebäuden. Ein inklusiver und flexibel nutzbarer öffentlicher Raum spricht ein breiteres Publikum an, ermöglicht vielfältige Nutzungen und verringert den Bedarf an kostspieligen Nachrüstungen in der Zukunft.

tottenham stadium
Das neue Stadion von Tottenham Hotspur verwirklicht die ambitionierte Vision des Vereins, allen Besucher*innen ein außergewöhnliches Fanerlebnis zu ermöglichen. Bild: ̽.

Deutschland verfügt bereits über eine solide Grundlage für gesellschaftlichen Mehrwert im Sport. Sie basiert auf einer starken Fankultur und effektiven Verwaltungsregularien wie der 50+1-Regel. Jetzt gilt es, diesen gesellschaftlichen Mehrwert bei Stadionprojekten sichtbarer zu machen und seinen Nutzen messbar zu erfassen.

Im Olympiastadion weisen die neuesten Modernisierungsmaßnahmen bereits in diese Richtung.[6] Durch zusätzliche Rollstuhl gerechte Zuschauerplätze, barrierefreie Anlagen und eine verbesserte Wegeführung wurden Zugänglichkeit und Inklusion gestärkt. Um zukünftige Investitionen zu untermauern besteht der nächste Schritt darin, auf diesen Fortschritten aufzubauen und die weitergehende gesellschaftliche Funktion des Stadions klar zu definieren. Dazu könnten ein breiterer Zugang für den Breitensport, Bildungsprogramme zur Geschichte des Standorts sowie konkrete Ziele für Teilhabe und Engagement gehören.

Die Stadt Hamburg und der HSV haben bereits begonnen, gesellschaftlichen Mehrwert durch Nachhaltigkeitsberichte und Gemeinschaftsinitiativen sichtbar zu machen. Während sich die Pläne für den Volkspark weiterentwickeln, bietet sich die Möglichkeit, die bauliche Entwicklung noch stärker mit diesen Zielen zu verknüpfen. Das bedeutet, Investitionen in das Stadion an messbare Ergebnisse zu koppeln – sei es in den Bereichen Bildung, Beschäftigung oder durch einen inklusiven Zugang zum Sport.

Durch ihren innerstädtischen Standort bieten Vereine wie der FC St. Pauli eine ergänzende Perspektive. Sie haben ihre Identität eng mit den Themen Inklusion und gesellschaftliches Engagement verknüpft. Die Herausforderung zukünftiger Entwicklungen besteht darin, diese Werte noch stärker in die physische Infrastruktur der Stadien einzubetten – etwa durch Räume für Gemeinschaftsgruppen, Sozialunternehmen und Outreach-Programme.

Deutschland beginnt nicht bei null. Die Aufgabe besteht darin, bestehende Stärken in räumliche Qualitäten und messbare Ergebnisse zu übersetzen. Dies ist ein entscheidender Schritt, um den langfristigen Wert von Stadioninvestitionen voll auszuschöpfen.

Gemeinschaft, Identität und Zugehörigkeit

Neben wirtschaftlichen Aspekten spielen Stadien eine bedeutende Rolle bei Identitätsstiftung. Sie sind Orte, an denen gemeinsame Erinnerungen entstehen und Menschen zusammenkommen.

Dieser Aspekt ist besonders wichtig in Stadterneuerungs- und Transformationsprozessen. Fußballvereine sind häufig tief in ihrem Umfeld verwurzelt und verfügen über langjährige emotionale sowie kulturelle Bindungen zu ihrer unmittelbaren Umgebung. Stadienneubauten oder -modernisierungen bauen oftmals auf Jahrzehnten, manchmal sogar auf mehr als einem Jahrhundert standortbezogener Geschichte und Identität auf. Dieses Erbe gilt es zu respektieren.

Die erfolgreichsten Projekte sind diejenigen, die sich wie ein natürlicher Teil des Quartiers anfühlen – und nicht wie etwas, das nachträglich hineingesetzt wurde.

Dr. Sebastian Seelig, Partner bei ̽ und Leiter des Bereichs Cities
Für den Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark in Berlin ist das Ziel die Schaffung eines neuen, inklusiven urbanen Sportquartiers. Bild: Adobe Stock.

Der Fokus auf städtebauliche und gesellschaftliche Erneuerung im Umfeld von Stadionprojekten wächst seit Jahrzehnten. Große Veranstaltungsorte können zwar Investitionen anstoßen und die Wahrnehmung eines Stadtteils verändern, ihr sozialer und wirtschaftlicher Nutzen hängt jedoch davon ab, welche konkreten Vorteile sie den Menschen vor Ort bieten, wie z.B. durch die Schaffung von Wohnraum, Arbeitsplätzen und Infrastruktur.

Die internationalen Beispiele zeigen, welches Potenzial Stadien entfalten können, wenn sie als Impulsgeber für Stadterneuerung verstanden werden. In Deutschland geht es zudem darum, bestehende Anlagen so weiterzuentwickeln, dass sie ihre Identität bewahren, gleichzeitig ihre Rolle innerhalb der Stadt stärken und einen größeren Mehrwert für die Bürger*innen schaffen.

Dies wird besonders deutlich bei Vorhaben wie der geplanten Neugestaltung des Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportparks oder den Plänen von Alba Berlin für eine neue Arena. In beiden Fällen steht nicht allein die Sportstätte im Mittelpunkt. Statt isolierter Einrichtungen werden diese Projekte als Teil urbaner Sportökosysteme gedacht, die Spitzensport mit Gemeinschaftseinrichtungen und öffentlichen Freiräumen verbinden. Ziel ist es nicht nur, Veranstaltungen auszurichten, sondern Orte zu schaffen, die täglich genutzt und geschätzt werden.

Eine ähnliche Entwicklung zeigt sich im zunehmenden Fokus auf Sportcampusse. Der Ausbau der Frankfurter Arena und der zugehörigen Sportinfrastruktur deutet auf ein Modell hin, bei dem die Arena stärker mit Trainingsstätten, Freizeitangeboten und anderen Nutzungen integriert ist und zusammen einen kollektiven Zielort für den Sport bilden.

Die Zukunft des Stadionbaus in Deutschland wird voraussichtlich nicht durch große Neubauprojekte geprägt sein.

Entscheidend wird vielmehr sein, wie erfolgreich Städte bestehende Sportanlagen modernisieren, in übergreifende Konzepte integrieren und als Teil umfassender Stadtentwicklungsstrategien aktiv nutzen.

Drei Prinzipien für zukunftsfähige Stadien in Deutschland

Während europäische Städte ihre Stadien modernisieren, bieten internationale Projekte eine wertvolle Grundlage, auf der aufgebaut werden kann.

Drei Prinzipien stechen dabei besonders hervor:

Integration ermöglichen

Damit Stadien als wirksame Impulsgeber für eine umfassende Stadterneuerung fungieren können, müssen sie Teil einer übergeordneten Stadtentwicklungsstrategie sein, an Verkehrsnetze angebunden und durch einen breiteren gesellschaftlichen Nutzen ergänzt werden. Der kann je nach Kontext bspw. in der Quartiersentwicklung oder in einem breiteren Freizeit- und Erholungsangebot liegen.

Aktivierung ermöglichen

Eine ganzjährige Nutzung ist sowohl für die wirtschaftliche Tragfähigkeit als auch für die Schaffung lebendiger und attraktiver Orte unerlässlich.

Gesellschaftlichen Mehrwert schaffen

Positive Effekte für die Gemeinschaft müssen von Beginn an verankert werden – unterstützt durch klare Verwaltungsstrukturen und eine langfristige Verantwortung für den Betrieb und die Entwicklung der Standorte.

Stadionprojekte können durch Integration, Aktivierung und gesellschaftlichen Mehrwert Impulse für die Stadterneuerung setzen

Für Deutschland gelten diese Prinzipien innerhalb eines besonderen Kontextes. Das 50+1-Modell stellt sicher, dass externe Investoren den Fans nicht die Kontrolle über einen Verein entziehen können. Zusammen mit der ausgeprägten Fankultur und der starken Verankerung der Vereine in ihren Gemeinschaften nehmen Stadien bereits heute eine zentrale gesellschaftliche Rolle ein. Die Herausforderung – und zugleich die Chance – besteht darin, auf dieser Grundlage aufzubauen und Spielstätten zu schaffen, die nicht nur modern und effizient sind, sondern tief in ihren Gemeinschaften verwurzelt und eingebunden sind.

Michael Salvo betont: „Manchmal zeigt sich der wahre Erfolg eines Stadions gerade dann, wenn kein Spiel stattfindet. Dieses umfassende Verständnis verdeutlicht die ganzheitliche Herangehensweise mit dem unsere Teams Projekte transformieren können und wie wir unsere Kund*innen dabei unterstützen, das volle Potenzial ihrer Assets auszuschöpfen – als integrierte, leistungsfähige Bestandteile der Stadt.“


[1] The regeneration game: How stadium projects are transforming communities – ̽

[2]

[3]

[4]

[5] ebd

[6]